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Die Geschichte einer eigenwilligen Künstlerin

Der Nachlass der Malerin Maria Slavona

Als Maria Slavona im Jahr 1931 starb, war sie längst eine anerkannte Größe der europäischen Kunstszene – gefeiert als eine der bedeutendsten deutschen Malerinnen ihrer Zeit. Geboren in Lübeck als Marie Dorette Caroline Schorer, bewegte sie sich in einem Kreis, der sich wie das Who’s who der Moderne liest: Pablo Picasso, Edvard Munch, Rainer Maria Rilke, Käthe Kollwitz, Paul Cassirer – sie alle begegneten ihr, manche als Freunde, manche als Bewunderer. Thomas Mann zählte ebenso dazu wie Max Liebermann.


Eine anerkannte Größe der europäischen Kunstszene

Slavona war Mitglied der Berliner Secession, stellte im gesamten Kaiserreich aus und führte ein Atelier auf dem Pariser Montmartre. Bereits in den 1890er Jahren erkannte sie das Genie des noch unbekannten Vincent van Gogh und begann, seine Werke zu sammeln.

Kostbar, was geblieben ist – gehütet in der Landesbibliothek

Und dennoch – über Jahrzehnte war ihr Name wie ausgelöscht aus dem kollektiven Gedächtnis. Vielleicht, weil ihre impressionistische Kunst in der Zeit des Nationalsozialismus als „entartet“ galt. Vielleicht, weil der Zweite Weltkrieg große Teile ihres Werkes in den Trümmern Berlins unter sich begrub.

Umso kostbarer ist heute, was geblieben ist: ein Nachlass von 33 Kästen, gehütet in der Schleswig-Holsteinischen Landesbibliothek.

Was sich darin findet, ist weit mehr als ein künstlerisches Vermächtnis – es ist ein Zeitpanorama. Briefe, Skizzen, persönliche Aufzeichnungen und Gegenstände wie ihre Malerpalette oder ihr Pinselköcher entfalten das Bild eines intensiven, oft prekären, stets eigenwilligen Lebens zwischen Lübeck, Paris und Berlin.

Skandal in Lübeck, „Malweiber“ in München und hungrig in Paris

Schon ihr Aufbruch war ein Eklat. 17 Jahre alt war Marie Schorer, als sie ihre Heimatstadt verließ, um sich in Berlin zur Malerin ausbilden zu lassen – ein Skandal im kleinbürgerlichen Lübeck. Vollends irritierend wurde es, als sie in München auf die sogenannten „Malweiber“ traf: Künstlerinnen, die mit Staffelei und Pinsel in die freie Natur zogen, sich lösten von Korsett und Konvention. 1890 dann der radikale Schritt nach Paris – in jene Stadt, die für sie lebenslang Mythos blieb: „Wenn ich die Wahl habe, wo ich verhungern will, ziehe ich Paris Berlin vor.“

Der Bruch mit der bürgerlichen Herkunft wurde für sie zum Programm. Unter dem Künstlernamen Maria Slavona entwarf sie nicht nur ihre Malerei neu, sondern auch sich selbst. Sie lebte kompromisslos, mitunter hart – in Affären wie mit dem Maler und Kunsthändler Willy Grétor, als alleinerziehende Mutter eines unehelichen Sohnes, als Anhängerin der aufkommenden Naturheilkunde und Anthroposophie. In den Briefen an ihre Eltern schildert sie „Schrotbrot und Obst-Ernährung“, „eine einfache Lebensweise“ und den „freiwilligen Verzicht auf Fleisch und Weingenuss“. Gleichzeitig sehnt sie sich darin nach „Allzumenschlichem“ – nach Kuchen, nach Lübecker Marzipan, nach einem Stück Heimat, das ihr zwischen Bohème und Existenzkampf entglitt. Oft war Slavona auf die Hilfe anderer angewiesen – etwa auf ihre Studienfreundin Rosa Pfäffinger.

Otto Ackermann und die Welt der Kunst

Erst mit der Heirat des Schweizer Kunstsammlers Otto Ackermann um 1900 begann eine stabilere, fruchtbare Phase. Es war eine Balance aus Sicherheit und Unabhängigkeit, zwischen bürgerlichem Salon und Avantgarde. Ihr Haus wurde zum Treffpunkt einer kosmopolitischen, künstlerisch-literarischen Gesellschaft – erst in Paris, dann in Lübeck, schließlich in Berlin.

Inspiriert von Monet, Renoir und Manet fand Slavona zu einer eigenen, farbstarken Bildsprache. Sie malte Landschaften, Interieurs, Stillleben, Tiere – und immer wieder den Blick aus dem Fenster. Ihre Themen waren leise, lebensnah, unpolitisch. Sie malte nicht gegen die Welt, sondern mitten aus ihr heraus. Kaufmännischer Ehrgeiz oder Provokation lagen ihr fern. In über 1.500 erhaltenen Briefen – an Grétor, Ackermann, ihre Tochter oder Rosa Pfäffinger – reflektiert sie die Kunstwelt ihrer Zeit: klarsichtig, leidenschaftlich, oft auch ernüchtert.

Chronik einer eigenwilligen Künstlerin

Was sich im Nachlass zeigt, ist die Chronik einer eigenwilligen Künstlerin – und zugleich die Erzählung einer Familie, zerrissen zwischen Konvention und Freiheit. Es ist eine Geschichte von Eigensinn, von künstlerischer Überzeugung und gelebter Utopie – verwurzelt in Schleswig-Holstein, aber offen für die Welt.

Ein Text von Maike Manske, Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek